Mittwoch, 29. Mai 2013

Bedingungsloses Grundeinkommen

Heut gab es eine sehr interessante Diskussion mit einer guten Freundin, die wir leider aus Zeitgründen nicht zu Ende führen konnten. Aber vermutichen hätten wir das auch nicht geschafft, wenn uns alle Zeit der Welt zur Verfügung gestanden hätte.
Es ging um das Für und Wider eines bedingungslosen Grundeinkommens. Zur Debatte standen die üblichen Einwände:
1. Unser System funktioniert doch, wieso sollten wir es ändern in eines, was so unbegreiflich ist?
2. Wie soll das rein rechnerisch funktionieren?
3. Wieso sollte jemand, der viel Geld verdient, auch noch ein Grundeinkommen erhalten?
4. Wie hoch sollte dieses Grundeinkommen sein?
5. Was soll ein Kleinkind/Baby mit diesem Geld?
6. Würde ein solches Grundeinkommen nicht dazu führen, dass sich die meisten Menschen auf Kosten der Gesellschaft ausruhen (Stichpunkt soziale Schmarotzer)?
7. Was soll Menschen dann noch motivieren, zu arbeiten?
Auf den ersten Blick ergeben all diese Einwände durchaus Sinn, allerdings sehe ich die Sache dann doch etwas anders.
zu 1. Was den ersten Punkt betrifft: ich sehe nicht, dass unser System tatsächlich funktioniert. Über die Praxis des Zinseszins führt es sich auf der Mikroebene und der Makroebene selbst ad absurdum. Um eine solche Rechnung zu begleichen wäre ein ständiges und nicht endendes Wachstum notwendig. Aber Hilfe - wo wollen wir denn hinwachsen? Das ist allerdings fast schon eine andere Diskussion, die hier aber mit reinspielt.
Abgesehen davon: Wieso ist man der Meinung, dass ein System, welches auf Leistung und Wachstum basiert funktioniert? Was sehe ich denn, wenn ich mir die Menschen in diesem System anschaue? Zwangsräumungen, Insolvenzen, Depressionen, Burnouts, unglückliche Menschen weil sie zu viel arbeiten, unglückliche Menschen, weil sie zu wenig arbeiten, unglückliche Menschen, weil sie weder Zeit oder Kraft oder Geld haben, unter Menschen zu gehen. Naja, und dann sehe ich noch rote Zahlen. Dicke fette rote Zahlen auf Staatsebene - übrigens nicht nur in Deutschland, sondern fast überall. Wenn ich bei diesen dicken fetten roten Zahlen, die paar Staaten gegenrechne, die schwarze Zahlen schreiben, sollten wir bald eine Handelskooperative mit Utopia anstrengen.
Natürlich ist nicht alles ganz so schwach und es gibt eine ganze Menge Inseln der Menschlichkeit und die meisten Leute haben die Möglichkeit, sich gemütliche Zonen in ihrem Leben einzurichten. Dennoch - ein "running system" ist das meiner Meinung nach nicht.
zu 2. Rein rechnerisch gehe ich davon aus, dass ein Großteil der Kosten sich aus einem abgespeckten Verwaltungsapperat refinanzieren könnte. Vermutlich nicht alles, aber ein Großteil. Die Zahlen, welche man da vergleichen müsste, muss ich mir unbedingt mal raussuchen. Aber zum Gegenrechnen ist neben dem monströsen Hartz-IV-Apparat, alles was mit Sozialleistungen (Rente, Kindergeld, Gerichte, die für ebendiese zuständig sind, Kontrollinstanzen etc.)einzubeziehen. Auch die Arbeitskraft, die verloren geht weil Menschen keine Kraft mehr haben, demotiviert sind, ihre Eignungen nicht zielgerichtet einbringen können und so weiter spielt hierbei eine Rolle. Wir haben es also mit einer komplizierten Rechnung zu tun, bei der man die qualitativen Werte gut durchoperationalisieren sollte ;-)
Auf der anderen Seite stehen die Einwände aus der Überlegung zu erstens. Wieso sollte es sich denn rechnen? Bestehen die Werte, die aktuell wichtig sind nicht sowieso schon aus anderen Dingen? Geld scheint keinen wirklich realen, wirtschaftlichen Wert zu haben. Aber auch das ist fast schon eine andere Diskussion.
zu 3. Wieso sollte jemand ein BGE bekommen, wenn er doch viel Geld verdient? Tja, auch dieser Einwand ist nachvollziehbar. Dieser Gedanke wird von einem Gerechtigkeitsgefühl hervorgerufen, bei welchem Sozialleistungen nur den Bedürftigen zustehen. Aber es handelt sich nicht um Sozialleistungen (auch wenn sie im Endeffekt eine ähnliche Höhe hätten) sondern um ein Grundeinkommen, das jedem Menschen sein Überleben und Leben absichert. Wer dieses Geld nicht haben mag, kann es gern zurückführen. Sicherlich ließe sich da auch ein Automatismus einrichten, dass die Wohlhabenderen damit keinen Stress haben. Denn auch mit BGE wird es noch soziale Institutionen wie Schulen, Kinderheime und so weiter zu finanzieren geben.
zu 4. Die Höhe eines BGE? Ich glaube man kann das nur gestaffelt einführen und müsste die Höhe immer mal wieder den realen Lebenshaltungskosten anpassen. Insgesamt geht es nicht wirklich darum, sich alle Wünsche erfüllen zu können, sondern eine wirkliche Wahlmöglichkeit zu haben. Und damit meine ich nicht nur die Wahlmöglichkeit, ob man einen "vorgeschriebenen" Job annimmt und seine Existenz sichert oder zweiteres eben nicht tut. Sondern eine wirkliche Wahlmöglichkeit. Ich meine auch die Wahlmöglichkeit, einen schlecht bezahlten Job oder ein Praktikum machen zu können. Diese Entscheidungen hängen aktuell davon ab, wie man sein Leben finanzieren soll. So manch einer kann sich ein Praktikum (welches zum Sammeln von Berufserfahrung immens wichtig ist) schlicht und ergreifend nicht leisten. Das wäre mit einem BGE anders.
Mit den restlichen Punkten beschäftige ich mich im nächsten Blogpost, in dem auch noch das eine oder andere Wort als Fazit geschrieben wird. Nun bin ich allerdings müde und auch dieser Post ist alles andere als ein kleines Häppchen geworden. Sorry dafür.

Kommentare:

  1. 1. Unser System funktioniert doch, wieso sollten wir es ändern in eines, was so unbegreiflich ist?

    Wenn es eine System gibt, das für die meisten BürgerInnen extrem unverständlich ist, dann wohl eher unser Steuer- und Sozialsystem (man frage mal bei den Leuten nach, die sich beruflich damit beschäftigen müssen). Gerade das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) würde eine enorme Vereinfachung mit sich bringen und den Staat für viele wieder nachvollziehbar werden lassen.

    2. Wie soll das rein rechnerisch funktionieren?

    Von der gesellschaftlich erzeugten Wertschöpfung wird ein Teil entnommen und an alle EinwohnerInnen des Landes in gleicher Höhe ausgeschüttet (Sozialdividende).

    3. Wieso sollte jemand, der viel Geld verdient, auch noch ein Grundeinkommen erhalten?

    Das BGE erhalten alle Bürger und nicht nur spezielle Minderheiten (deshalb ist es für alle diskriminierungsfrei). Dabei ist das BGE nicht automatisch für alle ein zusätzliches Geld, da es in die bestehenden Einkommen hineinwächst und somit nur einen Teil des bisherigen Einkommens bedingungslos macht (darüber hinaus lassen sich Vielverdiener auch höher besteuern, falls man das möchte).

    4. Wie hoch sollte dieses Grundeinkommen sein?

    Es soll die Existenz sichern und die Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen. Es muss ebenfalls so hoch sein, dass jede(r) im Zweifel auf Erwerbsarbeit verzichten kann, ansonsten kann es seine emanzipatorische Wirkung nicht voll entfalten.

    5. Was soll ein Kleinkind/Baby mit diesem Geld?

    Das BGE wird von der Wiege bis zur Bare gewährt. Bis ein Kind das Volljährigkeitsalter erreicht, wird das Geld von den aktuellen Bezugspersonen (Eltern, Großeltern, Pflegeeltern etc.) verwaltet; das BGE wandert also mit dem Kind jederzeit mit (Unterhaltsstreitigkeiten gäbe es dann nicht mehr).

    6. Würde ein solches Grundeinkommen nicht dazu führen, dass sich die meisten Menschen auf Kosten der Gesellschaft ausruhen (Stichpunkt soziale Schmarotzer)?

    Das BGE kann als Ruhekissen, gleichzeitig aber auch jederzeit als Trampolin benutzt werden. Betrachtet man unserer Gesellschaft, dann stellt man fest, dass nur ein sehr kleiner Teil wirklich untätig ist (und das auch nicht dauerhaft).Warum sollte man aber diese Minderheit als Maßstab für die engagierte Mehrheit der Bevölkerung heranziehen und die »Fleißigen« mit Regelungen traktieren, die eigentlich nur für die »Faulen« entwickelt wurden?

    Wenn es wirklich so wäre, dass man Menschen mit monatlichen Beträgen von z.B. 1.500 Euro stilllegen könnte, hätten wir dies während der Finanzkrise eigentlich bei vielen Investmentbankern anwenden und dadurch viel Schaden abwenden können. Denkt man kurz darüber nach und versteht, warum dies nicht funktioniert hätte, wird bald klar, dass eigentlich nur der Niedriglohnsektor gemeint sein kann, wenn die Rede davon ist, dass mit einem BGE »keiner« mehr arbeiten würde.

    7. Was soll Menschen dann noch motivieren, zu arbeiten?

    Der finanzielle Anreiz zum Hinzuverdienen erhöht sich drastisch durch das BGE (im Vergleich zu Hartz IV). Darüber hinaus gibt es weitere nicht-monetäre Anreize, die für das Ausüben eine Tätigkeit mindestens genauso wichtig sind. Folgende Reihenfolge wird sich einstellen: Welchen Sinn hat die Arbeit für mich und die Gesellschaft? Wie sind die Arbeitsbedingungen? Wie hoch ist die Gewinnbeteiligung (negativ=Kompensation) für meine Leistung bzw. investierte Lebenszeit?

    Mehr über das, was uns wirklich motiviert:
    http://youtu.be/u6XAPnuFjJc

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  2. Danke. Das ist wirklich schön und knapp zusammengefasst und doch kann es viele Ebenen dieser Diskussion nicht bedienen. Ich hatte Diskussionen wie mit dieser Freundin schon sehr häufig und möchte mich deshalb auch etwas auführlicher zum Grundeinkommen und den üblichen Einwänden äußern. Was 2. betrifft (die rechnerische Seite): An der Stelle würde ich sehr gern mal mit Zahlen argumentieren können, kann das aber nicht. Wenn euch da etwas vorliegt, bitte zögert nicht, das hier an der Stelle zu teilen - es würde viele Diskussionen erleichtern und hätte unglaubliche Überzeugungskraft. Ich persönlich bin zwar nicht der Meinung, dass die rein rechnerische Komponente ausreicht, um das BGE zu charakterisieren und seine Möglichkeit (mMn sogar fast Notwendigkeit) zu verdeutlichen, allerdings ist das einer der Knackpunkte, bei denen mir die Puste ausgeht. Häufig drehen sich Diskussionen and er Stelle im Kreis. Das ist schade.
    Auf meine letzten Punkte werde ich morgen noch einmal mit frischem und ausgeschlafenem Geist rangehen und freue mich jederzeit über Diskussionen - besonders wenn sie konkrete Textstellen meines Textes betreffen.

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